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Der Stille Grüne Star

2005

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Erst im April dieses Jahres schrieb George Hall, Kritiker des Opera Magazine, in einer Kritik von Keenlysides Darbietung als Papageno in Covent Garden: "Einmal abgesehen von der wahrhaft riskanten Athletik seiner Darbietung - nichts könnte mich dazu bewegen, auf meinen Knien in einem Schwung über die halbe Bühne zu gleiten, nicht einmal Mozart persönlich - und der perfekt abgestimmten Chaplinschen Mischung aus Pathos und Komik, die er in die Rolle einbringt, ohne jemals ins Sentimentale oder Vulgäre abzugleiten, zeigt sich das Können eines großen Liedsängers in Topform jedes Mal, wenn er den Mund öffnet. Jede Generation bringt vielleicht ein oder zwei großartige Papagenos hervor. Keenlyside ist zweifellos der große Papageno unserer Generation. Es sagt natürlich nichts über den Künstler, dass er sich so schnell von dem tosenden Applaus, der ihn erwartete, als er vor den Vorhang trat, zurückzog, um den nächsten Darsteller in der Reihe nicht in Verlegenheit zu bringen, aber es sagt einiges, über den Menschen." - Großes Lob fürwahr und wert, ausführlich zitiert zu werden, denn damit hat Simon Keenlyside nicht nur einen festen Platz in der Tradition großer britischer Papagenos, wie Benjamin Luxon und Thomas Allen, sondern es liefert auch einige Hinweise auf den Menschen hinter dem Künstler. Keenlyside spielt die Rolle des Papageno seit 15 Jahren regelmäßig, und er bringt sie im heurigen Sommer für Graham Vicks neue Produktion der Zauberflöte nach Salzburg. Obgleich Regisseure ihr Konzept nie vor Probenbeginn mit dem Ensemble besprechen, kann man wahrscheinlich davon ausgehen, dass weder Vick noch Keenlyside mit der Interpretation des Papageno als lederhosentragenden Bauernburschen, wie sie in Kontinentaleuropa beliebt ist, viel am Hut haben werden. "Ich bevorzuge Schikaneders ursprüngliche 'federnbewehrte' Konzeption der Rolle," wie Keenlyside einräumt. Mit Sicherheit hat er gute Gründe, sich der Natur verbunden zu fühlen: Keenlyside studierte Zoologie an der Universität Cambridge, bevor er sein Gesangsstudium bei John Cameron am Royal Northern College of Music in Manchester begann. Er bekennt sich als "leidenschaftlicher Naturliebhaber` und meint: "Meine Arbeit gibt mir die Möglichkeit, auf meinen Reisen einige wunderbare Dinge zu sehen."

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Simon Keenlysides erfolgreiche Karriere – seine anderen Paraderollen an berühmten Häusern; von der Scala über Paris und Wien bis hin zur Met und San Francisco, darunter Don Giovanni, Graf Aimaviva, Pelleas, Onegin und' Billy Budd - hat es ihm ermöglicht; der Natur einiges zurück zu geben, indem er auf seiner Hochlandfarm in den Hügeln von Wales Bäume pflanzt. "Ich habe ein staatliches Förderungsprogramm in Anspruch genommen und im Laufe der Jahre Tausende von Bäumen gesetzt - schnell wachsende Arten wie die Birke und langsam wachsende wie die Eiche. Man kann Wälder so gestalten, dass sie die Vogel- und Tierarten anziehen, an denen man interessiert ist. Einige Birken werde ich wohl wachsen sehen, aber die Eichen werden erst lange nach meinem Tod zur Reife gelangen. Ich sehe mich als Verwalter von diesem Stück Land - ich möchte es besser zurücklassen, als ich es vorgefunden habe."

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Unser Gespräch findet am Royal Opera House in Covent Garden statt; und zwar nach Proben zu Keenlysides Interpretation der Rolle des Winston in Lorin Maazels Oper 1984, Bühnenbild und Regie Robert Lepage. Keenlyside wirft sich in den Frisörstuhl in seiner Garderobe und gibt offen zu, dass er die Rolle anhand der Klavierpartitur allein nicht "kapiert“ hat; erst als er mit Maazel und dem Orchester zu proben begann, begriff er nicht nur die Realität der Musik, sondern auch dass Maazel sein Versprechen, dass die Sänger über dem Orchester zu hören sein würden  ("Das sagen sie immer!“) und dass er sie mehr oder weniger an der Hand durch die Vorstellungen geleiten würde, tatsächlich einhalten würde. „Inzwischen bin ich sicher, dass das ein Klassiker wird," meint er begeistert. ''Es ist ein großartiges Stück."

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Während 1984 im Werden ist, freut sich Keenlyside schon auf einen weiteren Sommer in Salzburg. "Ich liebe es: wenn man mit seiner Arbeit à jour ist, hat man Zeit, sich andere Veranstaltungen anzusehen, und ich genieße die Möglichkeit, in den Bergen wandern zu gehen - ich versuche immer, irgendwo auf dem Weg zum Untersberg zu wohnen. Da Salzburg sich noch nicht dem Trend unterworfen hat, die Proben zu kürzen, hat man zwei Monate, um hart zu arbeiten, viel zu spielen und Freunde zu treffen." Obwohl Keenlyside es vorzieht, den Papageno nicht öfter als etwa alle 18 Monate zu spielen, stand dieser Part für ihn in letzter Zeit doch ziemlich häufig auf dem Programm. "Kann ich mich wieder neu erfinden? Nun, der Zauberflöte kommt (man/ich) nie wirklich auf den Grund,“ sagt er. Je mehr ich die Rolle zu kontrollieren meine, desto mehr entdecke ich. Natürlich muss man immer etwas Raum lassen, damit die Regisseure ihre Ideen umsetzen können - aber man wünscht sich eben einen Regisseur, der genauso viel über die Rolle nachgedacht hat wie man selbst." Vor allem über den Text, fügt er hinzu, wie es sich für einen Sänger gehört, der für seine Liedinterpretationen ebenso gerühmt wird wie für die Oper.

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Keenlyside absolviert seine Wanderungen in den Bergen des Salzkammerguts häufig begleitet von der Musik, die ihm sein l-Pod liefert - dieser hat nicht nur komplette Standardaufnahmen der Lieder von Schumann, Schubert, Brahms, Beethoven, Wolf und allen anderen großen Liederkomponisten geladen, sondern auch die geliebte Jazzmusik, in die ihn sein Vater, ein Violinist, im berühmten Londoner Ronnie Scott's Club eingeführt hat. Mit der Aussicht auf ein Jahr nicht nur voll Papagenos, sondern auch Posas (Madrid), Fords (München) und Billy Budds (London) meint Keenlyside zufrieden: "Wenn mich die Leute fragen, was auf meiner Wunschliste steht, kann ich ehrlich sagen: meine Wünsche erfüllen sich gerade. Und es geht auch darum, mein Leben im Gleichgewicht zu halten, damit ich Zeit habe, meine Lieben zu sehen - und diese Bäume..."

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Graeme Kay
(GK ist ehemaliger Herausgeber von Opera Now und des BBC Music magazines. Derzeit ist er als Klassikproduzent für BBC Radio 3 Interactive und Radio 3-Moderator tätig.)