« »

2011.08.22 Winterreise, Salzburg Festival: Pierre-Laurent Aimard

Recital

22 August 2011
Großes Festspielhaus, Salzburg

sk-aimard-salzburg-2011

Simon Keenlyside, baritone
(stepping in for Thomas Quasthoff)

Pierre-Laurent Aimard, piano

Franz Schubert:  Winterreise D911

What the critics say

Heidemarie Klabacher, Der Standard, 24.8.2011
und
DrehpunktKultur.at

Vorwegnahme der Ausgesetztheit des modernen Individuums, Abgründe der Seele – was liest – und schreibt – man nicht alles über Franz Schuberts Liederzyklus nach Gedichten von Wilhelm Müller, über die “Winterreise”. Bariton Simon Keenlyside, der anstelle des erkrankten Thomas Quasthoff im Großen Festspielhaus bei den Salzburger Festspielen gesungen hat, scheint sich dem Schubert-Zyklus indes zunächst einmal ganz über die Technik zu nähern.

An der Wortdeutlichkeit des englischen Sängers könnten sich viele Muttersprachler seiner Zunft dabei ein Beispiel nehmen. Selten ein einzelner Vokal, der “fremd” abgedunkelt oder zu lang betont wird. Das Wort “Wolke” im Lied Nr. 12 (Einsamkeit) ist auch ihm nicht gänzlich gelungen, aber “Walke” hat er keine draus gemacht. Ein Gestaltungselement sind für Simon Keenlyside bewusst voneinander abgesetzte leicht akzentuierte Worte oder Silben in der jeweils letzten Liedphrase, oft der Wiederholung: Das dient ebenfalls der Wortdeutlichkeit, gibt vor allem aber den Aussagen einen zusätzlichen Touch von Endgültigkeit und Ausweglosigkeit. Erschütterung ganz nebenbei.

Perfekter Registerausgleich

Hohe oder tiefe Lage, verhauchendes Piano oder expressives Forte: Simon Keenlyside gestaltet seine Töne von einem einzigen Stimmsitz aus, mit perfektem Register- und Vokalausgleich über alle Lagen. Ein Beispiel dazu wären die Sprünge im Lied Nr. 17 (Im Dorfe). Das verstärkt zusätzlich die Sogwirkung der reich timbrierten Baritonstimme.

So hoch kann ein Ton gar nicht liegen, dass Keenlyside gezwungen wäre, ihn von unten anzusteuern. Auch der höchste Ton einer ohnehin hohen Phrase – etwa “ward mancher Kopf zum Greise” im Lied Nr. 14 – wird spielerisch leicht von oben aufgesetzt. Faszinierend. Dazu kommt aber auch ein ganz eigener Zugang zu vielen Liedern: ein so duftig schwebendes Irrlicht, eine so sanfte “Krähe” (Lied Nr. 15) haben noch selten versucht, den Sänger auf Abwege zu locken oder seinen Leib “als Beute hier zu fassen”.

Begleitet wurde Keenlyside von Pierre-Laurent Aimard, der diese Gesangssternstunde ungemein bereicherte: Aimards Gestaltung war klangfarben- und obertonreich, ganz dem Sänger dienend und doch öffnete sie einen ganz eigenen Kosmos.

Vom “greisen Kopf” war schon die Rede: Aimard schien mit dem liegengelassenen höchsten Ton unter der Phrase “Der Reif hat einen weißen Schein mir übers Haar gestreuet” das Eis sichtbar zu machen. Und am Ende des Liedes Nr. 20 (Der Wegweiser) schien mit dem Ziel auf Erden auch jede Farbe aus dem Klavierklang gewichen zu sein.

Michael Wruss, Oberösterreich Nachrichten, 24.8.2011

5 of 6 stars

Es ist immer schade, wenn ein Künstler absagen muss. Ganz besonders haben sich viele auf die „Winterreise“ mit Thomas Quasthoff gefreut. Der deutsche Bariton musste aber aus gesundheitlichen Gründen absagen, die Salzburger Festspiele gewannen als Ersatz den in London geborenen Simon Keenlyside, der gemeinsam mit Pierre-Laurent Aimard Schuberts „Zyklus schauerlicher Lieder“ im Großen Festspielhaus musizierte.

Stimmlich war Keenlyside sicherlich nicht auf dem Höhepunkt, denn er hatte bei einigen Stellen mit der Höhe zu kämpfen und schien sich auch sonst nicht ganz wohl zu fühlen. Das tat aber der grundlegenden Interpretation keinen Abbruch. Einerseits deklamiert er ein ungemein perfektes Deutsch, sodass jedes Wort sehr deutlich zu verstehen ist und auch seine dem Sinn angepasste Klangfarbe bekommt.

Andererseits ist er viel nüchterner an den großen Liederzyklus herangegangen als so mancher seiner Kollegen. Die Tempi waren durchaus zügig und manches in einer fast distanzierten Erzählhaltung präsentiert, als wäre nicht der Sänger selbst der Protagonist. Das heißt aber nicht, dass die Sache deswegen weniger emotional war, sondern dass ein anderer Blickwinkel gewählt wurde und diese Fokussierung sogar noch eindrücklichere Bilder hinterließ.

Pierre-Laurent Aimard war ein eher stiller und zurückhaltender Begleiter, der dennoch viel Stimmung aufzubauen verstand.

Hedwig Kainberner, Salzburger Nachrichten, 24.8.2011

Am heißen Sommerabend auf „Winterreise“

„Fliegt der Schnee mir ins Gesicht“ und „Gefrorne Tränen fallen von meinen Wangen ab“, sang Simon Keenlyside am Montagabend im Großen Festspielhaus.

Mehrmals wischte er sich mit einem Tuch übers Gesicht, doch nicht über Flocken und Tränen, sondern über jene Perlen, die der Hochsommer gebiert. Eigenartig war es schon, an einem derart heißen Abend eine „Winterreise“ durch Schnee und Eis zu unternehmen.

Simon Keenlyside vermittelte vom ersten Ton an den Schmerz des Liebesverlusts. Mit gesenktem Kopf sang er von Dunkelheit und Mondschatten. Am Klavier gab Pierre-Laurent Aimard dem in die Fremde Ziehenden Rückhalt: zart melodiös und in „Gute Nacht“ mit leisem Rhythmus wie ein Herzschlag. Oder klangen da die Schritte des verzweifelten Wanderers?

Nichts gegen Thomas Quast hoff! Er hätte Franz Schuberts 24 Lieder auf Gedichte Wilhelm Müllers singen sollen, hatte aber aus gesundheitlichen Gründen abgesagt. Doch war es keine Schmälerung der Hörfreude, den famosen Darsteller des Grafen im heurigen „Figaro“ der Salzburger Festspiele als Liedsänger erleben zu dürfen.

Simon Keenlyside brachte seinen Bariton in samtiger Wärme zum Klingen, ebenso in eindimensionaler Verhaltenheit am stillen Fluss, als kräftiger Zorn in „Die Wetterfahne“ oder als breit ausgesungenen Ton in der „Letzten Hoffnung“. Herrlich satt führte er seine Stimme in die Tiefe, etwa zu den Felsengründen des „Irrlichts“. Nur die höchsten Noten musste er vorsichtig ansingen.

Pierre-Laurent Aimard spielte das Klavier wie ein einfühlsamer Gefährte des winterlichen Wanderers. Es war, als versuchte er in der „Wasserflut“ den unsagbar traurigen Freund zwischen den Strophen mit winzigsten Melodien aufzumuntern, aber keinesfalls mit zu viel Fröhlichkeit zu irritieren. Die wenigen Stellen der „Winterreise“ in Dur zauberten dem Pianisten ein Lächeln aufs Gesicht, und er spielte die erste Strophe des „Posthorns“ so fröhlich und glänzend, dass man glauben konnte, aus dem Klavier ein Hörnchen schmettern zu hören.

Mark Berry, Boulezian Blog,25.8.2011

It would be difficult to come up with a superior replacement for an ailing Thomas Quasthoff than Simon Keenlyside. Indeed, if the truth be told, my preference would initially have been for Keenlyside, the present performance doing much to confirm that preference. Pierre-Laurent Aimard was an interesting choice as pianist; or should that be Schubert was an interesting choice for Aimard? There was often , as one might have expected, a modernistic slant to his performance, at times a little ‘objective’, not necessarily a bad thing, though at other times, his was a piano reading that showed itself fully, furiously committed. At any rate, this was not a routine Winterreise: Schubert’s great cycle emerged as a terrifying psychodrama, at time Romantic, at others expressionistic, but never comfortable.

Gute Nacht opened with promise, Aimard presenting a soft yet inexorable tread. Throughout, he proved alert to the ‘musical’ as well as ‘poetic’ form, ironclad formal certainty doing nothing to diminish poetic drama, but rather enhancing it, the rhythmic command of Die Post a case in point. He clearly knew when to support Keenlyside’s development and when to press into the dramatic foreground. If there was a certain neutrality to the piano tone in Die Wetterfahne and Gefrorne Tränen, the Debussy premonitions, Pelléas-like, of Erstarrung were testament to something particular and telling he was able to bring to Schubert: a frightening ill wind. The violence with which the third stanza of Der Lindenbaum opened was superbly judged: deeply felt in the bones, yet quite without theatrical overstatement. By contrast, the coldness of the piano in Auf dem Flusse told its story. The strangeness of Schubert’s harmonies in Irrlicht looked forward to late Liszt, rendering harmonic consolation all the more moving, whilst Mozartian delicacy in the introduction to Frühlingstraum complemented and yet ambivalently questioned Keenlyside’s lyricism. Is it not already too late to dream of springtime’s ‘bunten Blumen’? Whilst one might expect the extraordinary kinship to Webern of Letzte Hoffnung to play to Aimard’s strong suit, it was still striking how much it did. But kinship to the Schubert of the impromptus was equally apparent, in songs such as Täuschung and Das Wirtshaus. I should be intrigued to hear Aimard in more late Schubert. Finally, the ability to make the slightest (if only apparently so) variation tell in Der Leiermann was indicative of musical and dramatic certainty.

Keenlyside’s integrity – both as artist and ‘character’ – was palpable from the opening of the first song, bespeaking gentleness and hope: this was almost a Papageno verloren. There was great drama, in a more or less traditional sense, to be heard, for instance the overspill of bitterness at the close of Auf dem Flusse, but equally revealing were subtle changes in coloration, for instance the use of head voice upon the repetition of ‘Daß ich geweinet hab’?’ in Gefrorne Tränen. Yes, we noticed that the protagonist was weeping, but inwardly. Unheimlich use of head voice would chill, not least on account of its perfect integration – this was no mere ‘effect’ – in Auf dem Flusse too, rendering that subsequent explosion all the more terrifying. Wasserflut, immediately beforehand, had prepared the way: ardent, but not beautiful, Keenlyside brave enough sparingly to employ ugliness where necessary. And so, when two maiden eyes glowed in Rückblick, we fully experienced the psychosis of recollection, leading inexorably to a sickened tiredness in Rast, its weariness almost Parsifalian. (The Prelude to Act III came to mind.) In that context, the youthful ardour one still could hear in Frühlingstraum brought a tear to my eye, though of course one knew that it was too late, as the painful, hallucinogenic beauty and concluding anger (‘Grabe’) of Die Krähe would make clear. By the time we reached Im Dorfe, there was a terrible sense of desperately trying to keep everything together, the insistence on order both necessary and fooling no one. Der Wegweiser was sung with the desperate dignity of a Wozzeck, who returned definitively, frozen, in Der Leiermann.

Whether the Grosse Festspielhaus is the most appropriate venue for such a recital is open to question; the Mozarteum has a relatively intimate hall in which song recitals generally take place. Still, one can appreciate that audience demand might have played a role in the decision. What a pity, then, that so much of the audience proved incapable of remaining quiet, or in at least two cases, in their seats. Coughing was at a level that would have irritated or worse even at the height of the influenza season. The woman sitting in front of me seemed unable to keep her hands off her male companion. There was a dreadful whistling noise throughout much of the final stanza of Gute Nacht. And, to top it all, a mobile telephone from the row behind me rang at the end of Die Nebensonnen: heartbreaking preparation in the worst sense for Der Leiermann. Given such appalling behaviour, it is a tribute to the artists that the performance affected me as it did. Yes, there were occasional slips, but so what? I felt numb as after a fine performance of Tristan or Mahler’s Sixth Symphony, unable and unwilling to talk.

{ 0 comments… add one now }

Leave a Comment