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2013, Vienna, Rigoletto

Rigoletto

Composer: Giuseppe Verdi
Venue and Dates:

Vienna, Staatsoper
8,11 and 14. April

Conductor: Jesús López-Cobos
Director: Sandro Sequi
Designer: Pantelis Dessyllas
Costumes: Giuseppe Crisolini-Malatesta
Lighting Designer:
Choreographers:
Performers:

Rigoletto: Simon Keenlyside
Gilda: Olga Peretyatko
The Duke of Mantua: Matthew Polenzani
Monterone: Sorin Coliban
Sparafucile: Kurt Rydl
Maddalena: Elena Maximova
Giovanna: Donna Ellen
Marullo: Tae-Joong Yang
Borsa: Pavel Kolgatin
Il Conte di Ceprano: Hanns Peter Kammerer
La Contessa di Ceprano: Lydia Rathkolb

 

Notes:

Photo Gallery

 

Sound bites

Renate Wagner, Der Neue Merker, 9.4.2013

” … Simon Keenlyside sang seinen ersten Rigoletto in Wien. Er ist ein Künstler, der sich stets neu und bis an die Grenze herausfordert – man würde auf Anhieb in seinem Gedächtnis kaum einen Sänger finden, der gleichzeitig Wozzeck und Rigoletto am Repertoire hat und sie auch gleich nacheinander singt. Vielleicht sollte man das auch nicht. Keenlyside hat zwar schon des öfteren gezeigt – nicht zuletzt mit seinem Posa -, dass er ein Meister der Technik ist und seinen Gesangsstil an den jeweiligen Komponisten anzupassen vermag. Er singt nicht nur Mozart oder als Gegensatz dazu den mörderischen „Tempest“ von Thomas Adès, er kann seine Stimme auch dazu bringen, mit Verdi zu „strömen“ – aber nur in einem gewissen Ausmaß.

Nun ist immer möglich, dass ein Sänger sich nicht in Topform befindet, aber jedenfalls erweckte sein erster Rigoletto in Wien doch den Eindruck stimmlicher Überforderung. Keenlyside musste über weite Strecken forcieren, dann verliert sein Timbre an Qualität, und aus Verdis Belcanto wird kratziger Verismo (und Spitzentöne kappte er gleich selbst, wenn er spürte, dass er sie nicht durchstehen würde). Am Ende ist es wahrscheinlich auch eine Frage der Kraft, denn den veritablen Heldenbariton italienischen Zuschnitts, den die Rolle letztlich erfordert, bringt der Sänger einfach nicht mit.

Dass er wieder einmal als Persönlichkeit fasziniert, war zu erwarten und wurde eingelöst. Kein üblicher Rigoletto, der hinkende Alte mit Buckel: In seinem grotesken Kostüm (hat er es mitgebracht?) und seinem gewissermaßen „scharfen“ Auftreten, geht er nicht als Narr, sondern als Herausforderung durch die Welt des Herzogs. Wenn er allerdings die lächerliche Zipfelmütze wegwirft und herausschreit, dass er seine Tochter zurück haben will, steht plötzlich ein ganz anderer Mensch auf der Bühne, der genuine Vater, der er schon im Duett mit Gilda war… Keenlyside neigt zu Neurotiker-Studien, auch sein Rigoletto grenzt an eine solche, aber seine Bühnenpräsenz ist ungeheuer: Das Publikum jubelte ihm zu, obwohl es von der Rolle mehr Faszinierendes gesehen als im Verdi-Sinn „Schönes“ gehört hat… …”

 Dominik Troger, OperinWien, 10.4.2013

“Vom Wozzeck zum Rigoletto: Simon Keenlyside macht an der Staatsoper eine „Außenseiter“-Tour quer durch die Jahrhunderte. Wie sein Wozzeck war auch der Rigoletto ein Wiener Rollendebüt des Sängers.

Doch zuvor noch ein kurzer Blick auf die Statistik: Es war die 100. Aufführung dieser „Rigoletto“-Produktion, die im März ihr 30-jähriges Bühnenjubiläum gefeiert hat. Das opulente Renaissance-Bühnenbild (Bühne: Pantelis Dessyllas) bot einen passenden Hintergrund für Keenlysides Rigoletto-Künste, die bewiesen, dass man nicht nur in schäbigem Ambiente (wie heute meist üblich) Charaktere interessant und modern gestalten kann.

Simon Keenlyside spielt einen Hofnarren, der sich sogar dazu herablässt, seinem Herrn die Stiefel zu lecken (1. Bild), ohne dabei aber „devot“ zu wirken. Er transformiert die „Narrheit“ viel mehr zu einer Form des geistigen Widerstandes, der die Hofgesellschaft als System ironisiert und aufs Korn nimmt. Umso mehr muss es ihn treffen, wenn Gilda, sein Heiligtum, von dieser Gesellschaft usurpiert wird.

Keenlyside im Narrenkostüm machte im ersten Bild noch mehr Mätzchen, hüpfte beispielsweise beidbeinig über die zwei oder drei Stufen, die vom Saal nach vorne zur Bühne führen. Der Buckel war ihm keine Behinderung, obwohl er sich dann und wann ein wenig krümmte, sondern er wirkte körperlich agil: wie ein Rad, das ein wenig „eiernd“ läuft.

Keenlyside hat den Charakter des Hofnarren auseinandergenommen und wieder zusammengesetzt. Er vermittelte Details, die oft hinter einer etwas „robusteren“ Darstellung verschwinden: etwa Rigolettos Erregung im Finale, wenn er es kaum erwarten kann, den Sack mit dem toten Herzog von Sparfucile in Empfang zu nehmen. Eine fiebrige Erregung schlägt hier in Triumph um und kurz darauf in eiskaltes Grauen, wenn der vermeintlich Tote plötzlich aus der Ferne sein „Frauenherzen-Liedchen“ trällert.

Stimmlich war Keenlyside nicht ganz so präsent: er schien wieder dazu gezwungen, seinen Bariton etwas breiter zu machen, zu forcieren, ihm ein „natürliches Gewicht“ zu verleihen, damit Rigolettos Seelendrama in etwas sattere Farben taucht. So hat sich bei diesen großen Verdi-Partien, die Keenlyside im Lauf der letzten Jahre an der Staatsoper gesungen hat, für mich eine Gemeinsamkeit herauskristallisiert: Seine Stimme ist für Macbeth, Rodrigo, Rigoletto eigentlich eine Spur zu schlank und zu hell timbriert. Und was der Stimme an „natürlicher Sinnlichkeit“ abgeht, wird vom Sänger durch „Kalkül“ ersetzt. Dadurch entsteht eine Diskrepanz zur Musik, die oft mit dem Ausdruck „intellektuell“ umschrieben wird. …”

Rainer Elstner, Wiener Zeitung, 10.4.2013

” … In der Titelrolle: Simon Keenlyside. Noch vor einer Woche stand er in Wien als Wozzeck erfolgreich auf der Bühne. Gewohnt differenziert angelegt war auch sein Wiener Rollendebüt als Rigoletto: Ein jung wirkender Vater, zerrissen zwischen Selbstzweifel und Spott. Keenlyside versuchte, seine Stimme ins heldenhaft Dunkle zu timbrieren – was ihm nicht mühelos, aber über weite Strecken gelang. …”

Lukas Link, Der Neue Merker, 15.4.2013

“… Die größte Steigerung seit der ersten Vorstellung erzielte ganz klar Simon Keenlyside in der anspruchsvollen Titelrolle. In der ersten Aufführung sang der Brite noch farb- und kraftlos und sein sonst so nuancenreicher Bariton erklang recht eindimensional. In dieser letzten Aufführung präsentiert er sich in sehr guter Verfassung, die Stimme ist vom ersten Ton an da. Vor allem in den lyrischen Passagen, wie zum Beispiel in den zärtlichen Duetten mit Gilda, kann er mit seinem sinnlichen Timbre und einer ausgezeichneten Pianokultur berühren. Dazu kommt eine ausgezeichnete Legatokultur und ein starker Ausdruck, wie zum Beispiel bei Pari Siamo. An seine Grenzen stößt er in den dramatischeren Stellen in der Partitur. Beim Beginn von Cortigiani, vil razza dannata etwa, fehlt es ihm etwas an Durchschlagskraft. Die ganz große Attacke ist seine Sache nicht, doch der Sänger ist klug und forciert nicht, und mit seiner guten Gesangstechnik meistert er auch diese Hürde.

Noch beeindruckender ist wie sich der Sänger mit Haut und Haar in die Rolle wirft. Wer empfindet nicht größtes Mitleid mit diesem Rigoletto wenn er beim Cortigiani so verloren und verzweifelt auf dem Boden kauert? Keenlyside versieht seinen Rigoletto überhaupt mit einer Vielzahl von darstellerischen Feinheiten, die man nicht alle Tage sieht. Da kommt wieder der intelligente Sängerdarsteller in ihm zum Vorschein. Auf der einen Seite ist dieser Rigoletto ein intriganter und in seiner Körpersprache recht frivoler Hofnarr, doch im starken Kontrast steht dazu seine sensible Seite, die sich in seiner unerschütterlichen Liebe zu seiner Tochter Gilda manifestiert, die der Sänger sehr eindringlich mit kleinen Gesten zu gestalten weiß. Sehr berührend ist beispielsweise, als er bei Monterone’s Auftritt im zweiten Akt seine Tochter gar schnell in die andere Ecke des Raumes drängt und sich schützend neben sie stellt.

Zudem erlebt man wohl selten einen so wendigen Rigoletto. Keenlyside schlägt bei seinem ersten Auftritt gar ein Rad über die Treppen, schwingt sich auch schon mal rasch vom Boden liegend auf, ohne seine Hände zu benutzen und ist trotz seines steifen Beines auch beim Tanzen ein sehr beweglicher Mann. Dass dieser Narr die Edelleute am Hof des Herzogs gut unterhalten kann glaubt man gerne.

Dass der als „sexiest barihunk alive“ bezeichnete Keenlyside als Rigoletto seine äußerliche Erscheinung etwas herunterspielen muß liegt natürlich an der Rolle, und trotzdem macht der Sänger auch in dem witzigen Narrenkostüm eine gute Figur, und die graumelierte schulterlange Perücke steht ihm ausgezeichnet. Simon Keenlyside ist übrigens auch beim Schlußapplaus noch ganz in seiner Rolle, denn er humpelt auch dann noch vor den Vorhang. …

Das Publikum kam jedenfalls in den Genuss einer sehr guten Rigoletto-Aufführung und spendete rund zehn Minuten Applaus, wobei sie die Künstler mehrfach vor den Vorhang klatschten. Den Löwenanteil der Bravo-Rufe erhielten ganz zu Recht Keenlyside und Peretyatko.

Beim Verweilen und Small-Talken am Bühneneingang konnte ich sehen, dass sich diesmal eine ganz besonders große Menschenschar angesammelt hat, um sich von den drei Hauptrollensängern Autogramme zu beschaffen. Als ich nach einer Viertelstunde den Ort verließ, war Herr Keenlyside als einziger immer noch fleißig am Schreiben und immer noch von Dutzenden Fans umringt. Ich hoffe, er steht nicht immer noch dort und schreibt …..”

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Sue April 24, 2013 at 3:46 pm

After Wozzeck another, not quite so helpless victim. In the first act Simon’s malicious, fawning Rigoletto was horrifying to watch – the courtiers’ hate was fully understandable. Vocally he was at his heartbreaking best in the duets with lovely Olga Peretyatko and his short-lived triumph and final ‘maledizione!’ in the last scene were simultaneously blood-chilling and tragic.
So convincing was he that one wondered whether the real Simon would emerge for the curtain calls, of which there were many, loudly applauded by the sell-out house. Inci is correct about the orchestra and Simon greeted conductor Jesús López-Cobos very warmly.
These two very memorable experiences were made even more special by being able to share them with Inci – let’s hope we can soon meet again.

Inci Birsel April 22, 2013 at 8:36 am

I wonder how a singer can sing Wozzeck and Rigoletto one after another. And with such dedication to his art and with such success. Simon is one of those rare seen and heard singers. Each time I observe SK on stage,I am amazed at his total involvement in the character he portrays. His analysis of the character is always unmatched ,his technic is always perfect and the end result is always a rarity Both his Wozzeck and Rigoletto brought me to tears but in two very different ways. SK ‘s success also lies in his ability to draw the audience into the event at that point in time and to be caught and involved in the turmoil of events taking place on stage. What is happening on stage becomes the reality and the intense emotions produced are unsurpassed. Then with SK’s singing any opera becomes an unforgettable experience.
I must also mention that the Conductor,Jesús López- Cobos, is singer friendly. Under his direction the orchestra produced a very balanced sound,allowing the singers to shine.Often in Vienna the orchestra overshadows the singing on stage and this is an intensely unpleasant experience.
The Rigoletto evening was also a rarity because it brought together mutual SK admirers – Sue, her husband and myself. After a long chat at the opera café we continued our conversations over a glass of wine at the intermission. I am hoping to meet more friends of the SK Info team in Vienna in the coming year. SK will be doing a solo concert as well as singing at the Vienna Opera next year.
Until the new season in Vienna. Inci Birsel

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